»So lange wie nötig, so kurz wie möglich«

Mo 20. Februar 2017

ein Interview mit Kai Gembalies über die Eröffnung von „MILaa 65“ und Krisenarbeit in der Jugendhilfe.

„MILaa 65“ steht kurz vor der Eröffnung

Die milaa gGmbH, eine Tochter des Evangelischen Diakonievereins, steht kurz vor der Eröffnung einer weiteren Krisen- und Clearingeinrichtung in Berlin-Wedding mit dem Namen „MILaa 65“. Wenn alles planmäßig verläuft, kann diese bereits im Februar bis zu 10 junge Menschen aus Berlin sowie unbegleitete minderjährige geflüchtete Menschen im Alter von 14 bis unter 18 Jahren (im Einzelfall auch schon ab 12 Jahren) aufnehmen. Es handelt sich um junge Menschen in einer Krisensituation, die dort einen Schutzraum, eine kurzfristige Unterbringung und Betreuung finden. Damit ergänzt die milaa ihr Angebot in der Jugendhilfe, das sich bisher an zwei Berliner Standorten speziell um die Problemlagen junger Menschen und deren Familien kümmert. Kai Gembalies, Diplom-Sozialpädagoge und seit 18 Jahren in der Jugendhilfe tätig, ist neben der Leitung der Krisen- und Clearingeinrichtung “MILaa Mitte” in der Ackerstraße, derzeit mit dem Aufbau der neuen Einrichtung “MILaa 65” in der Müllerstraße 138 befasst.

Im Gespräch

Melanie Wagner, die im Evangelischen Diakonieverein für Presse- und Medienarbeit und Veranstaltungsmanagement verantwortlich ist, hat ein Interview mit Schwester Pia-Vivienne geführt:

Herr Gembalies, was hat es mit dem Namen „MILaa 65“ auf sich?

Eigentlich nichts Großartiges. Da unsere Einrichtung in der Ackerstraße nach dem Standort „MILaa Mitte“ benannt ist, suchten wir im Team nach einer Entsprechung. MILaa Wedding erschien uns aufgrund des früher teils durch viele Vorbehalte belasteten sozialen Brennpunkt rund um den Leopoldplatz als wenig geeignet. Also kamen wir darauf, einfach die alte Zusatzbezeichnung des Zustellpostamtes “65” für das Gebiet Wedding und Gesundbrunnen zu nehmen, die bis 1993 Berlins Postleitzahl ergänzte. Man kann die „65“ noch häufig als Graffiti an Häuserwänden finden oder bei Jugendlichen als Erkennungszeichen auf ihrer Kleidung entdecken als ein Zeichen der örtlichen Herkunft.

Mit welchen Krisensituationen sind Ihre Klientinnen und Klienten konfrontiert, wenn das Jugendamt oder der Jugendnotdienst auf Sie zukommen?

Meistens sind die jungen Menschen von sozialem Ausschluss betroffen, sind von den Eltern der Wohnung verwiesen, aus anderen Einrichtungen entlassen oder von Schulen suspendiert worden. In den meisten Fällen haben die Jugendlichen selbst durch ihr eigenes Verhalten zu diesem Ausschluss beigetragen, sind jedoch nicht alleinverantwortlich. In anderen Fällen flüchten junge Menschen vor körperlichem und seelischem Leid – Gewalt, Demütigung, Übergriffigkeit – und suchen und finden Schutz und Zuflucht. Signifikant hinzugekommen sind seit zwei Jahren die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die ganz eigene Hintergrundgeschichten mitbringen und zum Teil traumatisiert sind. Allen Klientinnen und Klienten gemein ist die Situation, dass sie aus ihrem vertrauten, Sicherheit und Berechenbarkeit gebenden Umfeld entrissen sind und eine Sicherung ihrer existenziellen Bedürfnisse brauchen. Da bei vielen mit dem sozialen Ausschluss ihres bisherigen Umfeldes auch Beziehungsabbrüche verbunden sind, bedarf es in dieser unsicheren Situation auch der echten empathischen Annahme des jungen Menschen.

Was bedeutet Clearing und wie hilft „MILaa 65“ den jungen Menschen eine gegenwärtige Krisensituation zu bewältigen?

Der erste Schritt der akuten Krisenintervention ist die Sicherstellung der existenziellen Bedürfnisse, also die Versorgung mit Schlafplatz, Lebensmittelversorgung, Gesundheitsfürsorge, aber auch die empathische Aufnahme. Ob eine vertrauensvolle und tragfähige Arbeitsbeziehung entsteht, die dem jungen Mensch ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, entscheidet sich meist in der Aufnahmesituation. Während dieser Phase erfolgt bereits das Erst-Clearing, eine erste Klärung der Situation, das den Hintergrund der Krise und zugrundeliegender Konflikte analysiert. Durch intensive Datenerhebung und Datenanalyse der Klienten und ihrer Familienangehörigen wird die Lebensgeschichte mit ihren prägenden Momenten herausgearbeitet und die Lebensbewältigungsmuster der Klienten erforscht, um daraus den grundsätzlichen Hilfebedarf und die entsprechenden notwendigen Interventionen abzuleiten. Die Ergebnisse des Erst-Clearing bilden die Grundlage der weiteren Hilfeplanung und damit verbunden des Zweit-Clearings, in dem Ressourcen und konkrete Perspektiven eruiert und erarbeitet werden. Dieser zweite Klärungsprozess, der besonders auf die individuellen Kompetenzen zur Lebens- und Alltagsbewältigung und deren Förderung eingeht, soll als Grundlage für die zukünftige erzieherische Arbeit mit den Klienten dienen. Ziel ist eine möglichst kurzzeitige Intervention und Unterbringung in der Kriseneinrichtung und eine effektive sowie effiziente Vorbereitung – entweder r eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie oder die Vermittlung in eine passende Anschlusseinrichtung.

Anders als in “MILaa Mitte”, wird es in “MILaa 65” einen „Kreativraum“ geben, um nicht schulpflichtige Jugendliche tagsüber sinnvoll zu beschäftigen. Wie wird das praktisch aussehen, welche Angebote möchten Sie gerne machen?

Unserer Erfahrung nach verstehen es junge Menschen schnell, ihre derzeit schwierige Lebenssituation sehr bewusst und kalkulierend zu nutzen, um sich den Mühen des Bildungssystems zu entziehen. Schulen reagieren gegenüber Fehlverhalten oft mit Suspendierungen. Die Folge sollten jedoch nicht zusätzliche Freizeit und Ausschlafen-Können sein. Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass gut gemeinte und stabilisierende Maßnahmen nicht ausreichen, um die Klientinnen und Klienten mit deutlicher Schuldistanz oder Beschäftigungslosigkeit dazu zu motivieren, in ihren jeweiligen Bildungsangeboten und –maßnahmen auch anzukommen oder ihren Vormittag sinnvoll selbst zu füllen und zu gestalten. Aus dieser Erfahrung erwuchs bereits in der „MILaa Mitte“ die Idee einer „BildungsMotivierenden Werkstatt“, die es ermöglichen sollte die jungen Menschen direkt vor Ort abzuholen und für bildungsfördernde Aktivitäten zu gewinnen. Aus verschiedenen Gründen war dieses Angebot jedoch nicht lange aufrecht zu erhalten. In der „MILaa 65“ bieten sich nun räumlich bessere Möglichkeiten, um für die Klientinnen und Klienten unserer beiden Einrichtungen ein solches Angebot zu machen. Da sich durch die minderjährigen Geflüchteten auch die Gruppenzusammensetzungen verändert haben, werden hier sicherlich sprachfördernde sowie musisch basierte erlebnis- und theaterpädagogische Angebote eingebaut. Ziel bleibt es, durch eine klare und sinnerfüllte Tagesstruktur Sicherheit, Stabilität und Orientierung zu vermitteln. In einem verlässlichen Rahmen sollen durch individuelle bedarfs- und ressourcenorientierte Aktivitätsmöglichkeiten positive Motivationsanlässe geschaffen werden. Eine regelmäßige Teilnahme fördert die Entwicklung, den Erhalt und die Erweiterung angemessener sozialer Interaktion. Geschult werden zudem Ausdauer und Belastbarkeit im Arbeitsverhalten, was wiederum den Einstieg in eine reguläre Beschulung oder Ausbildung ebnen soll.

Wie lange sind die jungen Menschen in Ihrer Obhut und wie geht es für sie nach dem Verlassen Ihrer Einrichtung weiter?

Grundsätzlich denken und handeln wir nach dem Motto: “Solange wie nötig, so kurz wie möglich”. Hinzu kommt, dass sich die Kids nicht zu sehr an uns als Bezugspersonen gewöhnen sollen – wir sind ja nur Betreuer/-innen auf Zeit, die ihnen übergangsweise für den Clearing-Zeitraum zur Verfügung stehen. Besser sollen sie nachhaltig vertrauensvolle und tragfähige Arbeitsbeziehungen mit unseren Kolleginnen und Kollegen in den Anschlusshilfen aufbauen. Unterbringung und Clearing sollten bestenfalls einen Zeitraum von drei bis vier Wochen nicht überschreiten. Im Anschluss erfolgt die Überleitung in geeignete Anschlusshilfen wie Heimeinrichtungen, Wohngruppen, betreutes Einzelwohnen – oder auch eine Rückkehr nach Hause, ggf. begleitet von ambulanten Hilfen zur Unterstützung.

*Vielen Dank für das offene Gespräch. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und persönlich alles Gute für Ihre Arbeit in den beiden Krisen- und Clearingeinrichtungen.*

Melanie Wagner
Presse- und Medienarbeit und Veranstaltungsmanagement


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