Ein Beitrag von Pastorin Cornelia Coenen-Marx im Deutschlandfunk

Di 22. September 2020

Unser Altar im Betsaal des Evangelischen Diakonievereins erzählt von den Werken der Barmherzigkeit

Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook ein Altarbild gepostet. Ein schlichter Holzaltar im Betsaal der Zehlendorfer Diakonie. Darauf dieses Altarbild, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Abendmahlstisch darunter und die Kerzenhalter. Ich mag die einfachen Bilder. In der Mitte der barmherzige Samariter, rechts und links – eingraviert wie in Münzen – die „Werke der Barmherzigkeit“.

„Barmherzigkeit – was ist das? Das fragen sich momentan viele Menschen.“ So kommentierte eine Freundin das Bild. Und jemand anders wollte gleich einen bestimmten deutschen Politiker gegen 13.000 Menschen aus Moria tauschen. Der barmherzige Samariter spricht mitten hinein in unsere Wirklichkeit: Wer lässt sich anrühren und aufhalten, wer greift in die Tasche und holt den Verletzten aus dem Dreck? Und wer geht vorüber, weil er andere Geschäfte hat?

So ist es wohl: Politik und Kalkül bestimmen den Blick auf die Menschen, denen wir begegnen. Es geht um Push- und Pullfaktoren, um die Ängste und Hilfsbereitschaft der Kommunen und Bundesländer, um Deutschland und Europa, Schuldige und Opfer. Parteilinien werden gezogen, Kompromisse gesucht, Gewinner gekürt. Anfang der Woche endlich wurde beschlossen, noch einmal 1550 weitere Flüchtlinge aufzunehmen, 400 schutzberechtigte Familien aus Griechenland. Welche Partei da der Gewinner ist? Ein Kommentar rückt die Frage zurecht: „ Die Gewinner – sind erst einmal diese Familien“.
Ob einer dich sieht oder ob Du verloren bist – ist das am Ende eine Lotterie? Oder eine Frage des Status? Jedenfalls scheint das alles furchtbar kompliziert. Aber die Werke der Barmherzigkeit sind ganz schlicht und einfach. Durstigen zu trinken geben. Hungrige speisen. Obdachlosen ein Dach über dem Kopf geben. Gefangene besuchen. Davon erzählt der Altar im Zehlendorfer Betsaal. Der Künstler hat sich darauf beschränkt, Hände zu zeichnen. Hände, die sich öffnen, helfen und schenken. Trotzdem denke ich sofort an die Bilder aus den Nachrichten, die Familien, die in Moria auf der Straße saßen und kaum etwas zu essen hatten. Weil die Hilfsorganisationen nicht durchkamen, um wenigstens Lebensmittel zu verteilen. Und Wasser. Dabei weiß doch jeder, wie es ist, Durst zu haben nach langen Tagen in der Hitze.

Und trotzdem ist es nicht einfach, sich einzufühlen – hier im wirtschaftlich stärksten Land Europas. In relativer Sicherheit. Wer will sich schon vorstellen, mit der ganzen Familie auf dem nackten Boden zu schlafen – ohne Hoffnung, ohne Perspektive?

Ich denke an eine Frau, die eigentlich gar nichts mit dem Elend zu tun hatte. Elisabeth von Thüringen – sie war Fürstin. Hoch über den Straßen der Armen lebte sie in Eisenach auf ihrer Burg. Trotzdem gilt sie bis heute als die Heilige der Barmherzigkeit. Von ihr werden viele wunderbare Geschichten erzählt. Eine handelt von einem leprakranken Mann; die Fürstin nahm ihn auf, um ihn zu pflegen. Sie legte ihn sogar ins Bett ihres Ehemanns – Berührungsängste kannte sie nicht. Als der Fürst nach Hause kam, wurde er misstrauisch, sogar zornig. Ging hin, schlug die Bettdecke zurück und – der, den er da sah in seinem eigenen Bett, mit blutenden Wunden und Verletzungen, war Christus selbst. Da wich er zurück und ließ die Barmherzigkeit geschehen, die seine Frau begonnen hatte.

Eine unglaubliche Geschichte, ich weiß. Was der Fürst da mit eigenen Augen sah, war ein Wunder. Nicht einmal uns selbst erkennen wir in denen, denen es schlechter geht als uns. Nicht einmal das Gesicht eines Menschen sehen wir in den Geflüchteten. Dabei würde es genügen, sagt die Geschichte, wenn wir in den Leidenden Christus sehen, den gekreuzigten Christus.

Der Abstand bliebe, aber aus Abwehr und Kalkül würde Barmherzigkeit. Was Barmherzigkeit ist? Der einfache Altar lässt Christus selbst darauf antworten: „Was Ihr getan habt einem von diesen geringsten, meinen Geschwistern, das habt Ihr mir getan.“ (Mt 25,40)


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