Mein sechsjähriger Sohn redet nicht mehr mit mir. Seit 20 Minuten läuft er schweigend vor mir her und guckt mich bei jeder Gelegenheit vorwurfsvoll an. Ich möchte ihm erklären, dass ich verstehen kann, dass ihm das Spielzeug gefällt und er es haben möchte. Ich möchte ihm aber auch klarmachen, dass ich glaube, dass es dabei vor allem um das Gefühl, etwas zu bekommen geht, nicht darum, etwas zu besitzen und wertzuschätzen.
Und so wären wir beim Thema. Die Welt, in der meine Kinder groß werden, bietet ihnen ein Leben im Überfluss. Konsum ist ein Dogma, mit dem Kinder von frühester Jugend an indoktriniert werden. Held*innen aus Fernsehserien sind auch im Alltag präsent und verkaufen den Kleinsten und ihren Eltern Spielzeuge, Mode und allerhand Nippes. Online-Handel, der einfache Käufe per Klick ermöglicht, tut sein Übriges und führt dazu, dass wir in Dingen ersticken. Man gewöhnt sich schnell an den Wohlstand in Deutschland und an das Gefühl, alles kaufen zu können, was einem in den Sinn kommt und von dem man glaubt, dass es einen glücklich macht. Deutschland hat ein Wohlstandsniveau erreicht, das in der deutschen Geschichte einmalig ist. Die Lebenserwartung war nie höher, die medizinische Versorgung nie besser und der Zugang zu Bildung nie umfassender. Und trotzdem: Deutschland ist nicht perfekt. Natürlich gibt es große Unterschiede in der Vermögensverteilung und damit einhergehend auch in der Chancengerechtigkeit. Und ja, es gibt Menschen in Deutschland, die für systemrelevante Arbeit viel zu wenig verdienen und am Existenzminimum leben. Doch bei allen gesellschaftlichen Ungleichheiten, der Lebensstandard in Deutschland ist so hoch wie noch nie.
Ab dem 4. Mai 2023 leben wir „auf Pump“
Was wäre, wenn alle Menschen auf der Welt einen deutschen Lebensstil pflegen würden? Das ginge gar nicht. Die Erde würde in kürzester Zeit geplündert, natürliche Ressourcen wären erschöpft, die produzierten Abgase und Müll würden ins Unermessliche steigen. Bereits am 4. Mai 2023 hat jede in Deutschland lebende Person durchschnittlich so viele natürliche Ressourcen verbraucht wie auf der Erde bis Ende des Jahres pro Kopf nachwachsen können. So hat es die Organisation „Global Footprint Network1“ ausgerechnet. Ab diesem Tag, dem „Deutschen Erdüberlastungstag“ verbrauchen wir mit unserem Lebensstil mehr natürliche Ressourcen, als tatsächlich zur Verfügung stehen.
Deutschland muss Verantwortung übernehmen
Der Lebensstil der Menschen in Industrienationen, wozu auch Deutschland gehört, ist maßgeblich für den globalen Temperaturanstieg verantwortlich. Die Naturkatastrophen, die aufgrund des Klimawandels zunehmen, treffen jedoch alle Länder dieser Welt, wenn auch unterschiedlich hart. Dank großer Aufwendungen gelingt es Deutschland bisher, Krisen für die Bewohner*innen seines Landes abzufedern. Doch wie lange wird das noch in dieser Form möglich sein? Als hauptsächlicher Verursacher müssen es die Industrienationen sein, die alle möglichen Maßnahmen und dazu benötigte Gelder ergreifen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Dies wird nicht ohne Entbehrungen für die Bewohner*innen Deutschlands gehen.
Auf lange Sicht müssen wir uns von unserem Wohlstand, wie wir ihn kennen, verabschieden
Wie könnten einfache Maßnahmen aussehen? Es muss unterschieden werden zwischen strukturellen Maßnahmen, die die Politik ergreifen kann, und persönlichen, die ein*e jede*r selbst umsetzen kann. Die Bundesregierung könnte zunächst ein Tempolimit auf Autobahnen verabschieden, ein Flugverbot innerhalb Deutschlands sowie generell eine höhere Besteuerung von Flügen. Auch eine stärkere Preisregulierung im Lebensmittelbereich, um günstiges Fleisch aus Massentierhaltung aus Supermärkten zu verbannen und gleichzeitig regionales Obst und Gemüse aus Bio-Anbau sowie Grundnahrungsmittel zu fördern, um sie somit für jede*n erschwinglich zu machen. Auch die Förderung von Wind- und Solarenergie sowie ökologische Vorgaben im Bausektor gehören selbstverständlich zu strukturellen Maßnahmen, die unsere Bundesregierung ergreifen könnte und sollte.
Der eigene Beitrag könnte damit beginnen, einfach weniger zu konsumieren und beim Kauf auf Qualität und nicht auf Quantität zu setzen. Generell gilt es, den eigenen Lebensstil und Gewohnheiten zu hinterfragen und auf seine Nachhaltigkeit mit Blick auf natürliche Ressourcen hin zu prüfen. Hier geht es gerade nicht um eine Verbotskultur, sondern um ein solidarisches Gemeinschaftsgefühl, das das gemeinschaftliche Wohlbefinden über die eigene (kurzfristige) Bedürfnisbefriedigung stellt.
Entbehrungen dürfen nicht die Schwächsten treffen
Mögliche Einschnitte in unseren Lebensstil müssen alle treffen, und es muss sichergestellt werden, dass Schwache nicht mehr zurückstecken müssen als Wohlhabende. Das ist leichter gesagt als getan. Populismus, Corona-Pandemie und Existenzängste aufgrund der anhaltenden Inflation zehren am gesellschaftlichen Zusammenhalt. Während einige politische Kräfte versuchen, die Schwachen gegen die Schwächsten auszuspielen, müssen ernsthaftere Versuche unternommen werden, um einem Zerreißen der Gesellschaft entgegenzuwirken. Auch hierfür können wir alle einen Beitrag leisten, indem wir mit Umsicht, Respekt und Toleranz durch unsere Welt gehen, uns um Verständnis bemühen und bereit sind, unkonventionell zu denken und zu handeln. Anstatt
Genugtuung im Konsum zu suchen, gilt es das Miteinander zu suchen, die Gemeinschaft zu pflegen und sich auch wenn möglich ehrenamtlich und politisch zu engagieren.
Nur so können wir es schaffen, als Gesellschaft zu wachsen und dabei eine Welt mitzugestalten, die auch in 50 Jahren noch lebenswert ist. Hierbei kann uns auch das Prinzip der Nächstenliebe leiten, wie es im Brief des Jakobus in der Bibel steht: Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, so tut ihr recht. (Jakobus 2,8)
Das alles möchte ich meinem Sohn erklären. Dafür ist er heute noch zu klein. Es bereitet mir große Sorgen, dass Krisen, Naturkatastrophen und wachsende Ungleichheit (auch global) seine Lebensrealität sein könnten und vielleicht auch werden.
Ein Beitrag von: Juliane Tröger, Referentin der Geschäftsführung, milaa gGmbH
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