Ein persönlicher Impuls für den Alltag

Als Pflegefachkraft im heutigen Gesundheitssystem ist das oft mehr als nur eine schöne Vorstellung. Die Realität ist geprägt von Zeitdruck, Personalmangel, ständig neuen Anforderungen wie der Personaluntergrenzen-Verordnung (PPUGV) – und gleichzeitig vom hohen Anspruch, jedem Menschen mit Würde und Zuwendung zu begegnen. Das verlangt nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch emotionale Stabilität.

Hinzu kommt: Wer Teil einer diakonischen Gemeinschaft ist, trägt ein besonderes Selbstverständnis mit sich. Man will nicht nur pflegen, sondern auch Licht und Salz sein (vgl. Matthäus 5,13–14) – Zeugin und Zeuge eines Glaubens, der trägt. Doch mit diesem Zeugnis wächst oft auch eine Erwartung: „Sie wird schon stark sein“, „Sie wird den rechten Rat wissen“, „Sie zweifelt sicher nie“ … Und so können die Rollen, in die wir als Vorbilder hineinwachsen, mit der Zeit auch schwer werden. Vielleicht schweigen wir über eigene Schwächen, über Müdigkeit, über innere Kämpfe – weil wir nicht enttäuschen oder keine Last sein wollen. Aber: Auch wir dürfen schwach sein.

Auch Vorbilder brauchen Zeiten des Ausruhens, der Klage und des Gehaltenwerdens. Denn unsere Stärke liegt nicht in uns selbst, sondern in dem, der uns trägt. Christus hat uns nicht zu perfekten Held*innen berufen, sondern zu geliebten Kindern. Er kennt unsere Grenzen – und liebt uns trotzdem. Es ist keine Schande, nicht immer zu leuchten. Auch eine Kerze flackert. Und selbst die klügste Schwester bleibt auf Gottes Gnade angewiesen. Seid also mutig genug, nicht nur Vorbilder im Glauben, sondern auch Vorbilder im Angewiesensein zu sein – im Sich-Zeigen, im Lassen, im Bitten um Hilfe. Denn darin wird sichtbar, was wahre Stärke ist: Christus in uns.

Doch was tun, wenn die eigenen Kräfte schwinden? Wenn die eigenen Emotionen nicht mit dem Idealbild übereinstimmen, das man sich selbst oder andere von einem „guten Christenmenschen“ machen?

Gerade in diesen Spannungsfeldern zeigt sich, was den Glauben wirklich ausmacht: nicht Perfektion, sondern Beziehung. Beziehung zu einem Gott, der uns durchträgt – auch durch den Arbeitsalltag, auch durch Müdigkeit, Überforderung, ja selbst durch Zweifel. Es ist die Nähe zu Gott, die uns menschlich bleiben lässt, auch wenn die Anforderungen unmenschlich scheinen.

Weil sie nicht an Leistung gebunden ist. Weil sie uns neu aufrichten kann, auch nach einem schweren Tag. Und weil sie uns immer wieder erinnert: Du bist nicht allein. Du musst nicht alles können. Du bist getragen. Doch diese Nähe zu Gott geschieht nicht zufällig – sie braucht Raum in unserem Leben. Gerade wenn der Alltag dicht ist, sind eigene Bewältigungsstrategien entscheidend. Wie füllen wir unsere freie Zeit? Ist es der endlose Scroll durch soziale Medien oder das Konsumieren von TV, das uns wirklich zur Ruhe bringt? Oft merken wir: Die Zeit vergeht – aber wir sind nicht wirklich erholt.

Darum lohnt sich die ehrliche Frage: Was tut mir wirklich gut?

Zeit mit Gott – im Gebet, in der Stille, im Lesen der Bibel – hat Kraft, uns innerlich zu sortieren und zu stärken.
Denn Gott hat uns unterschiedlich beschenkt: Jeder hat eigene Talente – aber auch Dinge, die er nicht gut kann. In der Gemeinschaft heißt das: Wir müssen nicht alles allein können. Vielmehr dürfen wir lernen, uns auf die Stärken der anderen zu verlassen und unsere eigenen Grenzen anzunehmen.

In der Diakonischen Gemeinschaft kann das konkret erfahrbar werden: Wenn wir unsere Gaben gegenseitig ergänzen, kann auch Schweres getragen werden – und wir selbst werden entlastet. Jesus zeigt uns das im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37): Der Helfer bleibt nicht bei dem Anspruch stehen, alles allein tun zu müssen. Er leistet Erste Hilfe – und übergibt den Verletzten dann vertrauensvoll in die Obhut eines anderen. Es ist ein liebevolles Handeln mit Maß.

Dieser Hirte sieht uns – kennt unsere Grenzen – und begleitet uns durch alle Herausforderungen hindurch. Das macht den christlichen Glauben so anziehend: Er ist keine zusätzliche Last, sondern die Kraft, die uns entlastet.

Autorinnen: Oberin Christine Schwarzbeck, Pflegedirektorin und Schwester Somaya Girle, Stabstelle Ausbildung/Fortbildung, Bürgerhospital und Clementine Kinderhospital gemeinnützige GmbH Frankfurt/Main


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