Wo kommen wir her? Wo stehen wir? Wo gehen wir wohl hin?

Ein persönliches »Positionspapier« von Oberin i.R. Ellen Muxfeldt anläßlich der Oberinnenwahl der Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal mit dem Thema: »Die evangelische Antwort auf die Frauenbewegung – Wo kommen wir her, wo stehen wir, wo gehen wir hin?«

Wo kommen wir her …

… aber warum nach Früher fragen, wenn ich im Heute fest verwurzelt bin? Jeder Tag meines Lebens hat dazu beigetragen, dass ich das bin, was ich heute bin. »Bis hierher hat mich Gott gebracht, bis hierher mir geholfen«, heißt es im Kirchenlied. Aus diesem Wissen heraus, im Rückblick auf das Gewesene, durch alle Nöte hindurch bewahrt worden zu sein, erwächst auch das Vertrauen für die Zukunft. Das geht dem einzelnen Menschen so, auch wenn es Brüche und Sprünge geben mag in der Lebensgeschichte, aber es geht auch einer Gemeinschaft so.

Ausschlaggebend für die …

… Gründung unserer Gemeinschaften waren die sozialen Nöte um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts. Frauen des Deutschen Frauenbundes, der sich für die Rechte von Frauen stark machte, hatten den Theologieprofessor Friedrich Zimmer zu einem Vortrag eingeladen. Die Not von Frauen war ihm ein besonderes Anliegen. Diakonissenmutterhäuser gab es da schon gut 60 Jahre, aber ihr Dienst setzte eine lebenslange Berufung voraus, ein Leben in Gehorsam und Abhängigkeit vom Mutterhaus. Obwohl es wenig Berufsmöglichkeiten gab für Frauen, war das schon damals nicht unbedingt Lebensziel vieler junger Frauen. Dennoch: Unter dem Löheschen Motto »Mein Lohn ist, dass ich dienen darf«, haben Diakonissen einen unschätzbaren Dienst getan in der Pflege von Kranken und Behinderten, in den Familien und Gemeinden und bei der Kindererziehung. Aber der Bedarf an Hilfe war deutlich größer als die Möglichkeiten der Mutterhäuser.

Diakonie an Frauen und durch Frauen

Zimmer hatte eine andere Vision: Eine Genossenschaft, ein Frauenverband, der sich selber führte. Seine Ideen fanden an jenem Vortragsabend so großen Zuspruch, dass es noch am gleichen Abend im Hinterzimmer einer Gaststätte in Wuppertal zur Gründung des Evangelischen Diakonievereins kam. Neu und in der damaligen Zeit geradezu provokativ im Denken war der doppelte Auftrag: Diakonie an Frauen und Diakonie durch Frauen. Frauen eine gründliche Ausbildung zu einem Beruf und Erwerb in der Diakonie zu vermitteln, der sie wirtschaftlich selbständig werden ließ und ihnen auch den Weg in Ehe und Familie offen hielt. Der Doppelauftrag bestand darin, sich mit den erworbenen Fähigkeiten in der Diakonie den Nöten der Zeit zu stellen.

Zimmer wandte sich damit auch ganz bewusst an die Frauen des gebildeten Mittelstandes. Er war für sich selber der Auffassung: „Es ist ein Gottesgesetz, dass wir von unserer Arbeit auch leben sollen“. Und dieses sah er nicht nur für sich so, sondern auch für die Schwestern. Wie mir scheint, hat der Gedanke in unserer heutigen Gesellschaft wieder an Aktualität gewonnen.

Selbstbestimmung ist in der Regel an wirtschaftliche Unabhängigkeit gebunden. Dem Vorwurf aus den Mutterhäusern: „Wir dienen, und die verdienen“ begegnete er: „Nicht dienen, um zu verdienen, aber verdienen, um dienen zu können“. Evangelische Frauen zu befähigen, dass sie angemessen auf die Nöte ihrer Zeit reagieren können, Diakonie durch Frauen. Er schuf wirklich etwas Neues, das aber dem Diakonieverständnis der Mutterhäuser zu weltlich, den Frauenrechtlerinnen zu fromm war.

Den Bedürfnissen der Zeit dienen

Das Ziel der Genossenschaft war es, Frauen unabhängig von der Ehe ein erfülltes Leben zu ermöglichen; ihnen in der Schwesternschaft Inhalt, Unterhalt und den Rückhalt der Gemeinschaft zu bieten und damit den Bedürfnissen der Zeit zu dienen. Für die Schwestern hieß das auch:

Selbstverständlich war ihnen ein gemeinsames geistliches Leben. Zu den gemeinsamen Zielen gehörte auch, sich als Organisation einzusetzen für die berufspolitischen Belange. Ein Jahr nach Gründung des Vereins wurden die ersten Schwestern auf ihren Wunsch hin eingesegnet. Das Modell wurde zu einem großen Erfolg. Der Verein wuchs und hatte in seiner Hochzeit über 4.000 Schwestern. Mit dem medizinischen Fortschritt waren die Ärzte in die Krankenhäuser gezogen, und der Heilerfolg erforderte eine fachgerechte Versorgung der Patienten. In der damals volkskirchlich geprägten Gesellschaft machte der Diakonieverein überwiegend mit kommunalen Trägern von Krankenhäusern Gestellungsverträge, um in den evangelischen Einrichtungen nicht den Mutterhäusern Konkurrenz zu machen.

In Häuser evangelischer Trägerschaft sind Diakonieschwestern erst mit dem Rückzug der Diakonissen und oft auf deren Bitte hin die Nachfolge angetreten. Zimmer hatte mit seiner Gründungsidee auch in anderer Hinsicht Erfolg: es wurde eine von den Schwestern selbst bestimmte Gemeinschaft. Schon die erste Oberin, die in die Gründungsgruppe gehörte, ließ wissen: »Gott hat mir auf einem eigenen Hals einen eigenen Kopf gegeben, damit ich eigene Gedanken damit denke.«

Rolle der Schwesternschaft im Diakonieverein

Zimmer, mit seiner Fülle an Ideen und immer neuen Vorstellungen, gründete noch eine zweite Schwesternschaft. Das war den Diakonieschwestern ein Zuviel an Innovationen, und so musste er auch erleben, dass sich unter der ersten Vorstandsoberin die Schwestern zehn Jahre nach der Gründung von ihm trennten. Sie zogen aus dem Heimathaus aus in eine Nebenstraße, und später kauften sie ihm – auch gegen den Rat des Verwaltungsrates – das Heimathaus ab. Mir nötigt die Generation dieser Frauen große Hochachtung ab. Sie hatten in der Gesellschaft nicht einmal das Recht, Verträge abzuschließen, aber sie hatten einen eigenen Kopf, der eigene Gedanken dachte, und den Mut, diese umzusetzen.

Juristisches Organ der Schwesternschaft war und ist der Diakonieverein. Hier werden bis heute die Verträge geschlossen, und hier wird das von der Schwesternschaft erwirtschaftete Vermögen verwaltet und bewirtschaftet. Solange die Schwesternschaft in den Organen des Vereins vertreten ist und zahlenmäßig nicht überstimmt werden kann, ist sie dem Gründungsmotto getreu eine selbstbestimmte Schwesternschaft. Es ist das Vermögen der Schwestern, das dem Verein erlaubt, auch neue Tätigkeitsfelder aufzunehmen. Erst wenn diese maßgeblich zum Erhalt des Vereins beitragen, könnten wir neu über die Rolle der Schwesternschaft im Diakonieverein nachdenken.

Die Schwestern …

… der Gründergeneration haben Großartiges geleistet in der Ausbildung (sie war unter anderem Vorbild für das erste Krankenpflegegesetz) und in der Versorgung für Notleidende und Hilfesuchende in Familien und Institutionen, und sie waren sich weitgehend ihrer Wurzeln in der Kirche, aber auch in der Frauenbewegung bewusst. Der Weg zu mehr Rechten für Frauen in der Gesellschaft war ein sehr langsamer, und es ist bezeichnend, dass ich darüber eigentlich nur etwas für verheiratete Frauen gefunden habe.

Bis 1958 hatten Ehemänner das Bestimmungsrecht für Frauen und Kinder und verwalteten den Lohn der Frau. Bis 1962 durften Frauen ohne Zustimmung des Mannes kein eigenes Bankkonto eröffnen. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Bis 1977 durften Frauen nur mit Erlaubnis des Ehemannes berufstätig sein, und er konnte auch ohne Einwilligung der Frau die Arbeitsstelle kündigen.

Was für ein Menschenbild und was für ein Frauenbild! Das sind Zeiten, die etliche von uns hier selber miterlebt haben. Zum Glück ist vieles davon überwunden, aber unterschwellig auch noch vieles präsent. Bis heute verdienen Frauen in unserem Land 22% weniger als Männer. Aber: heute halten wir uns für gleichberechtigt, bedarf es da noch einer gesonderten Förderung für Frauen?

Diakonie an der Basis …

… hat ein weitgehend weibliches Gesicht, Diakonie in der Leitung ist mehrheitlich männlich. Die Schwesternschaft des Diakonievereins ist überwiegend in der Krankenpflege tätig, und es ist gut, dass der Beruf inzwischen auch für Männer erstrebenswert ist. Männer konzentrieren sich in der Pflege nach meiner Beobachtung auf die technikorientierten Bereiche wie Intensivpflege, Anästhesie und Operationssaal und überproportional im Management. Das können wir den Männern nicht anlasten, aber es bedarf struktureller Verbesserungen für die Familien und in meinen Augen immer noch einer gezielten Ermutigung von Frauen, Führungspositionen zu übernehmen, um zu mehr Ausgewogenheit zu kommen.

Es ist keine Kleinigkeit, und ich empfinde es als ein Ärgernis, dass z. B. in den Nachrichten, wenn es um Pflege geht, fast ausschließlich von den Pflegern gesprochen wird. 83% der Arbeit am Krankenbett und in der Altenpflege geschieht durch Frauen, und sprachlich kommen sie in der Regel in der Öffentlichkeit nicht vor. Haben in der Vergangenheit Schwesternschaften einen Rahmen geboten, der es Frauen erlaubte, auch außerhalb der Familie einer sinnvollen Aufgabe nachzugehen und für sich selber zu sorgen, so stehen den jungen Frauen heute die Türen zu allen Berufen offen, auch ohne den Rückhalt einer Schwesternschaft. Und gesellschaftlich ist es nicht mehr geächtet, auch alleine zu leben.

Eine Gemeinschaft braucht Verbindendes, um stark zu sein

Haben damit Schwesternschaften ihren Auftrag überlebt? Meine Schwesternschaft hat jetzt noch knapp 2000 Mitglieder. Davon sind mehr als zwei Drittel im aktiven Dienst und weit weniger als 500 Schwestern pensioniert, also immer noch eine nachwachsende, lebendige Gemeinschaft. Schwesternschaft hat sich gewandelt, es gibt kaum noch Schwesternhäuser, die auch den Rahmen für ein Zusammenleben bieten, und vieles hat sich aus der Gemeinschaft in die individuelle Verantwortung verlagert. Wir sind auch keine Genossenschaft mehr, in der jede an ihrem Platz ihr Bestes gab und dafür alle das Gleiche verdienten. Von unserer mittleren Generation sind die meisten verheiratet und haben ihren Lebensmittelpunkt in der Familie. Eine Gemeinschaft braucht Verbindendes, um stark zu sein.

Was ist es, …

… was uns heute miteinander verbindet? Zu uns kommen immer noch junge Menschen, weil sie eine gute Ausbildung suchen, auch mit der Erwartung, dass ein christliches Menschenbild unseren Umgang mit hilfesuchenden Menschen und im Miteinander prägt. Enttäuschende Erfahrungen an der Stelle wiegen immer noch besonders schwer. Haben wir früher einen großen Schwerpunkt auf Fort- und Weiterbildung auch in den Kursen in der Diakonieschule im Heimathaus gelegt, so hat sich vieles davon regionalisiert. Was unsere Gemeinschaft nachhaltig prägt, ist die gemeinsame diakonische Bildung. Mit der Ausbildung kommt eine Altersgruppe zu uns, die in den Familien wenig Berührung mit christlichem Gedankengut hat, und in dieser Altersgruppe erreicht auch die Kirche nur noch wenige.

Für uns ist das Heimathaus ein Ort, an dem man gemeinsam nachdenkt über Glaubens- und Lebensfragen, abseits von den Anforderungen am Arbeitsplatz und frei von den Pflichten in der Familie. Auch nach der Absolvierung der diakonischen Kurse gibt es solche Angebote für alle Schwesterngruppen. Es sind Zeiten, die dafür da sind, jenseits des Alltags wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen. Sie machen das Heimathaus zu einer Tankstelle für neue Kräfte. Natürlich spielen die fachliche Qualifizierung und die berufliche Förderung und Ermutigung der Einzelnen weiterhin eine große Rolle, aber der innere Zusammenhalt ist die gemeinsame Basis im Glauben und das Wissen, dass es in jeder Schwesterngruppe jemanden gibt, auf den ich mich stützen und verlassen kann.

Ich erlebe die schwesternschaftlichen Zusammenkünfte als ermutigend und stärkend. Da, wo ich mich im Widerspruch zu Entscheidungen erlebe, ist eine bislang verlässliche Brücke das Bemühen um gegenseitiges Verständnis und Annahme. Die überall gegenwärtige Frage »Was bringt mir das?« ist nicht unbedingt unberechtigt. Aber ich erlebe sie häufig als die Frage der im Aufrechnen ewig Zukurzgekommenen. In einer Gemeinschaft erhält jede umso mehr, je mehr sie von sich selber hineingibt.

In unserer Zeit mit dem Druck am Arbeitsplatz und zunehmender sozialer Kälte haben viele Menschen eine große Sehnsucht nach Orten des Vertrauens und der Geborgenheit. Lassen Sie uns darauf achten, dass unsere Schwesternschaften solche Orte sind. Unser Auftrag als Christen, Menschen in Not beizustehen, wird uns bleiben, und ich glaube, es wird immer Menschen geben, denen es leichter fällt, diesem nachzukommen mit dem Rückhalt einer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft kann oft mehr bewirken als eine einzelne Person.

Wenn ich nach vorne schaue, schöpfe ich Zuversicht aus einer über 100jährigen Geschichte der Gemeinschaften. Sie haben Anfechtungen von innen und außen, Kriege, Diktatur und viele Unwegsamkeiten überstanden. In einer säkularen Gesellschaft werden wir keine Massenbewegung werden. Aber wollen wir das überhaupt? Ich bin überzeugt, solange die Gemeinschaften den Schwestern und Brüdern geistlichen und mitmenschlichen Rückhalt bieten können und den diakonischen Auftrag nicht aus den Augen verlieren, werden wir lebendig sein.

Oberin i.R. Ellen Muxfeldt


Auszüge aus einem Vortrag von Oberin i.R. Ellen Muxfeldt anläßlich der Oberinnenwahl der Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal am 21. März 2015.


Unsere Frage:

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Kontakt

Sie interessieren sich für unsere Schwesternschaft? Wir freuen uns auf Ihre Fragen!

Cornelia Falk
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Lisa Swillims
Tel. (030) 80 99 70-24
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Schwester Anna Reichhardt sagt…

“Schwesternschaft ist toll. Diese Gemeinschaft hat die wunderbare Eigenschaft, dass sie aus verschiedenen Perspektiven verbindend ist. Ein Raum, wo man sich nicht verbiegen muss und wo ein Erfahrungsaustausch für viele Lebensbereiche möglich ist.”


Anna Reichhardt (Diakonieschwester und Pflegepädagogin)


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